Frühlingserwachen

Die ersten Lockerungen sind in Kraft und wir können ein wenig aufatmen. Sind wir damit über den Berg? Nein, aber wir haben den Gipfel schon lange hinter uns und bewegen uns stetig weiter nach unten. In den letzten zwei Wochen wurden nur noch vereinzelt mehr als 1000 Neuinfektionen pro Tag gemeldet, meist lagen sie darunter. Aber das sind immer noch Hunderte von neuen Fällen pro Tag und die Ausbreitung ging ursprünglich von Einzelfällen aus.

Deutschland im internationalen Vergleich

Im internationalen Vergleich stehen wir recht gut da. Mit mehr als 175.000 Infektionen bis Mitte Mai gehören wir zwar zu den Ländern, die am heftigsten getroffen wurden, aber das Anwachsen der Zahl wurde ausgebremst. Mittlerweile melden neben Italien und Spanien weitere fünf Länder höhere Infektionszahlen. Bei den aktuell aktiven Infektionen liegen wir sogar erst an 23. Stelle.

China meldet bereits seit Wochen nur noch vereinzelte Fälle und liegt mit den kumulierten Neuinfektionen mittlerweile nur noch auf Platz 13. Die aktuellen Fälle sind weniger als 100. Aber bei China rufen viele weltweit schon aus Reflex “Lüge!”. Neben den gemeldeten Zahlen wissen wir aber auch von westlichen Unternehmen, dass die Produktion vor Ort wieder angelaufen ist und zum Wochenende überraschte China mit erstaunlich guten Wirtschaftszahlen.

Wer China nicht für glaubwürdig hält kann sich auch Südkorea ansehen. Das Land wurde als erstes nach China heftig getroffen und führte nicht einmal strenge Lockdown-Massnahmen durch. Dafür war man dort aber offenbar besser vorbereitet und setzte die technischen Möglichkeiten voll ein. Der Einsatz von Massentests, Fiebermessungen, Handydaten und der Appell an die Selbstverantwortung haben dort offenbar funktioniert. Die Ausbreitung wurde bei etwas mehr als 10.000 Fällen gebremst und liegt nun gerade etwas über 11.000, womit das Land bereits an 44. Stelle liegt. Akut sind weniger als 1000 Menschen noch krank.

Auch Italien und Spanien, die es besonders heftig getroffen hat, sind mittlerweile auf einem guten Weg. Wie sieht es bei unseren unmittelbaren Nachbarn aus? Die Schweiz und Österreich rangierten früh auf den vorderen Plätzen der Horrortabellen, können aber bereits seit Wochen auf weniger als 100 Neuinfektionen pro Tag verweisen. Belgien und die Niederlande haben den kritischen Punkt noch nicht ganz überwunden, melden aber auch bereits seit Wochen weniger als 1000 neue Fälle, wobei Belgien meist einige Hundert mehr meldet als die Niederlande. Auch Polen gehört zu den Ländern, die die Zahlen aus Südkorea übetroffen haben. Dabei werden von dort immer nur einige Hundert neue Fälle pro Tag gemeldet, dies aber konstant ohne ersichtliche Verbesserungen.

Dänemark liegt nur noch knapp hinter Südkorea und meldet nur noch niederige Zahlen. Ganz ähnlich sieht es bei Tschechien aus, und das kleine Luxemburg meldet bereits häufig nur noch einstellige Zahlen. Die Zahlen aus Frankreich schwanken zwar teils sehr erheblich, aber insgesamt ist auch hier eine Besserung erkennbar. Lediglich Groß Britannien meldet nach wie vor über 3000 Neuinfektionen pro Tag und hat längst die italienischen Katastrophenzahlen übertroffen.

Weltweite Ausbreitung

Nun hat die britische Regierung auch erst sehr spät auf die Pandemie reagiert und zunächst auf Herdenimmunität gesetzt. Das rächt sich im Nachhinein. Auch Schweden geht einen Sonderweg, indem kaum Beschränkungen des öffentlichen Lebens verordnet wurden und man mehr auf die Vernunft des Einzelnen setzt. Das Ergebnis ist bislang, dass täglich mehrere Hundert Fälle gemeldet werden, die meist über 600 liegen, und die Zahl recht konstant bleibt. Bei Neuinfektionen liegt Schweden damit zur Zeit an 24. Stelle, bei den Todesfällen allerdings an 15.

Am stärksten betroffen sind die USA. Anfang März war die Zahl von 100 bekannten Fällen erreicht, zehn Tage später kamen bereits täglich mehr als 100 dazu. Ab dem 17. März explodierten die Meldungen neuer Infektionen von über 1000 bis über 20.000 täglich seit dem 30.03.20. Seit dem 03.04. kamen täglich fast immer über 30.000 Fälle dazu. Seit dem 01. Mai sank die Zahl zwar wieder unter die 30.000, aber das sind immer noch täglich mehr als doppelt so viele wie Südkorea insgesamt seit Ausbruch der Epidemie gemeldet hat. Auch Russland meldet seit Anfang Mai täglich Zahlen knapp über 10.000. Die Zahlen aus Brasilien schwanken relativ stark, übertrafen aber zuletzt die russischen um ein Drittel. 

In Südamerika sind außerdem Peru, Chile, Ecuador und Kolumbien stark betroffen und ein Ende ist noch nicht absehbar. Auch Mexiko, die Dominikanische Republik und Kanada haben die südkoreanischen Zahlen längst übertroffen. In der arabischen Welt ist das Virus noch auf dem Vormarsch. Saudi Arabien meldet ständig neue Rekordzahlen, die Vereinigten Emirate, Qatar und Kuwait haben die südkoreanischen Zahlen übertroffen. Israel vermeldet dagegen bereits seit geraumer Zeit nur noch Neuinfektionen im zweistelligen Bereich. Der bereits früh betroffene Iran konnte lange Zeit ein relativ niedriges Niveau halten, aber zuletzt stiegen die Neuinfektionen wieder kontinuierlich an und liegen zur Zeit über 2000.

Folgen der Ignoranz

Was haben die Länder gemeinsam, die nun die höchsten Neuinfektionen täglich melden müssen? In den USA, in Brasilien und Russland führen Männer die Nation an, die sich gerne als stark und unfehlbar darstellen. Präsident Jair Bolsonaro spielt die Epidemie bis heute herunter. Er gefällt sich in der Rolle des Widerstandskämpfers gegen seine eigenen Experten und Gouverneure. Den Gesundheitsminister feuerte er vor einem Monat, weil der ihm zu viele Schutzmassnahmen durchführen wollte und sein Nachfolger gab gerade erst nach einem Monat sein Amt wieder ab. Stattdessen befeuert Bolsonaro die Demonstrationen gegen die Lockdown-Massnahmen und hält sich demonstrativ nicht an Vorsichtsmassnahmen.

Ein ähnliches Bild sehen wir in den USA. Donald Trump verstieg sich sogar zum Möchtegern-Experten und empfahl gefährliche Behandlungsmethoden, rief zur “Befreiung” demokratischer Staaten auf und sucht die Schuld bei der WHO und natürlich China. Er selbst leugnet jede Verantwortung, um dann wieder die großartigen Massnahmen zu loben, die er getroffen habe.

Putin ist von anderem Kaliber als die beiden Selbstdarsteller aus Amerika. Er stellt sich lieber als kühl und besonnen dar. Die Krise leugnete aber auch er, wobei Russland tatsächlich lange Zeit verschont zu bleiben schien. Ob nun die Corona-Fälle tatsächlich als Lungenentzüdungen deklariert wurden und ob die Todesfälle künstlich niedrig gehalten werden, indem man andere Todesursachen nennt, sei dahingestellt. Unzweifelhaft wird Russland aber gearde im Moment von der Welle überrollt und ist nach den USA mittlerweile das am stärksten betroffene Land. Dennoch will Putin die Massnahmen lockern.

Ein langer Weg zurück in die Normalität

Alleine in diesen drei Ländern ist nicht absehbar, wann die Zahlen der Neuinfektionen einmal auf ein Niveau herabsinken, dass man wirklich zur Normalität zurückkehren kann. Andere Länder melden weiterhin steigende Zahlen und aus einigen Regionen wissen wir vermutlich noch gar nicht, wie schlimm es bereits ist. Selbst wenn wir es überstanden haben, bleibt es weiterhin schwierig. Werden wir dann mit einigen Ländern weniger Kontakte haben als mit anderen? Wie sieht es mit dem internationalen Handel aus?

Die Wirtschaft meldet bereits jetzt aus allen betroffenen Gebieten katastrophale Zahlen. Deutschland steht etwas besser da als seine europäischen Nachbarn, aber auch hierzulande rechnet man im Einzelhandel mit Insolvenzen im Bereich von 10%, 78% rechnen mit einem Umsatzrückgang. Die Zahlen des ersten Quartals weisen bereits jetzt bei den meisten Unternehmen Einbußen aus, dabei geht es hier noch nur um die Zahlen von Januar bis März. Für das zweite Quartal können entsprechend schlimmere Zahlen befürchtet werden, zumal auch die internationalen Handelsketten brach liegen und noch länger brachliegen werden.

Die vielen ungelösten Probleme von der Zeit vor dem Virus tauchen nun auch wieder an die Oberfläche. Der Handelskrieg, der Brexit, die Flüchtlingskrise, um nur die prominentesten zu nennen. Es muss sich erst noch zeigen, ob die Welt aus der Krise etwas lernt. Immerhin gehören wir hierzulande zu den Glücklichen, die auf ein Ende der Gesundheitskrise hoffen können. Jetzt kommen die wirtschaftlichen Herausforderungen an die Reihe.

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