Zeitalter der Ängstlichkeit

Eigentlich sollten wir im Informationszeitalter leben. Fast immer und überall haben wir die Möglichkeit auf die größte Datensammlung zuzugreifen, die es bisher gab. Lexika verstauben bestenfalls noch als nostalgisches Überbleibsel im Regal. Es geht viel schneller, sein Stichwort in Google einzugeben, als nach dem richtigen Band im Regal zu suchen und die entsprechende Seite aufzuschlagen. Zumal immer mehr Menschen Schwierigkeiten mit der Reihenfolge der Buchstaben des Alphabets haben. Statt minutenlang nach dem Stichwort zu suchen, bedient Google uns in Sekundenschnelle gleich mit hunderttausenden Ergebnissen.

Datenflut statt Information

Und da fängt die Krux an. Es gibt keine klare Antwort mehr auf Fragen. Google präsentiert uns gleich eine ganze Masse an Links. Die Auskünfte können sehr widersprüchlich sein, Meinungen sowieso, und selbst Realitäten gibt es wie Sand am Meer. Was machen wir nun also mit all diesen Informationen? Wir selektieren.

Klar, das haben wir vorher auch schon gemacht. Es war bekannt, welche Zeitschrift für welche politische Richtung stand und welches Magazin welchen Lebensstil vertrat. Aber jetzt finden wir für jede auch noch so dumme Idee Bestätigungen und Quellen. Das Misstrauen, dass man uns Dinge verschweigt, bestätigt sich nun, da wir die Wahrheit selbst suchen können. Du glaubst, die Regierungen der Welt verschweigen uns ihre Kontakte mit Ausserirdischen? Klar. Massenhaft Foren und Internetseiten bestätigen dir das. Du hast die Vermutung, dass die Erde in Wahrheit eine flache Scheibe ist? Auch dafür finden sich Belege. Dass Regierungen und Geheimdienste uns ausschnüffeln ist spätestens seit Wikileaks und Edward Snowden keine psychotische Befürchtung mehr. Die Bundesregierung liegt seit dem Flüchtlingsdrama in Schutt und Asche, das kann man im Internet nachlesen und es beweist, dass man selbst seinen eigenen Augen nicht mehr trauen kann.

Wahr ist, was mir Angst macht!

Menschen voller Misstrauen und Ängste finden all das im Internet bestätigt. Meist von Menschen, die genauso misstrauisch und ängstlich sind, wie sie selbst, mittlerweile aber auch längst von gezielter Stimmungsmache. Berühmt-berüchtigt ist die Trollmaschinerie der Russen, die sich webweit in Kommentaren zu Wort meldet. Ob man eine derartige Intervention aber überhaupt braucht, ist fraglich. Denn auch so arten politische Diskussionen im Netz immer öfter in wüste Beschimpfungen ohne faktische Grundlagen aus. Mit der Unterstellung, dass alle Informationen erlogen sind, kann man mittlerweile alles abstreiten. Gleichzeitig sehnen sich die Menschen nach einer Basis, der sie trauen können. Paradoxerweise halten deshalb viele die offensichtlichste Propaganda für die eigentliche Wahrheit.

Wahr ist nicht, was wahr ist, sondern das, was meine Ängste bestätigt. Populisten haben deshalb Hochkonjunktur. Sie bestätigen die Ängste und geben mit ihrem pöbelhaftem Auftreten den Menschen die Hoffnung, dass der eitle Pöbler einen Weg aus der Misere aufzeigt. Tut er natürlich nicht. Die beiden hervorstechendsten Vertreter dieser Spezies verunsichern gerade nicht nur viele Menschen sondern stellen die ganze Struktur unserer Welt in Frage. Erdogan lässt jeden Andersdenkenden verhaften und beklagt sich, dass es undemokratisch sei, wenn seine Schergen keine Wahlpropaganda für seine diktatorischen Bestrebungen im demokratischen Ausland machen dürfen. Trump stellt eine bekloppte Behauptung nach der anderen ins Netz und sieht keinerlei Notwendigkeit, sich zu korrigieren, selbst wenn er noch so oft widerlegt wird.

Der Opfermodus

Was beide gemeinsam haben: Sie stilisieren sich als Opfer. Erdogan sieht sich umgeben von Terroristen und Nazis. Trump beklagt, sein Vorgänger habe ihn durch Geheimdienste bespitzeln lassen und da es keine Beweise dafür gibt, erklärt er schlichtweg, die Briten hätten für Obama spioniert. So dämlich das ist, so wird es doch tatsächlich auf einigen Internetseiten ernsthaft diskutiert. Heute morgen noch las ich einen Forumsbeitrag, in dem sich der Schreiber darüber beklagt, dass die „Konservativen“ (so bezeichnen sich die extrem Rechten in den USA) die Juden von heute seien, gemieden und unterdrückt. Und mit ihrem Wunschkandidaten an der Spitze des mächtigsten Staates der Welt, der diesen geschundenen Staat wieder groß machen will.

Ähnliches zeichnete sich schon beim Referendum zum Brexit ab. Da beklagten Brexit-Befürworter schon vorab, dass sich Europa an Groß Britannien rächen wird, um dann sagen zu können: Seht ihr, ohne uns geht ihr den Bach runter. Tatsächlich ist dieses präventive Opferdenken eher anders herum zu sehen: Die anderen sind an allem Übel Schuld. Und wenn wir das auf unsere Art vermasseln, dann sind sie schon wieder Schuld.

Der lachende Dritte

Putin, der erste starke Mann, der sein Land wieder groß machen wollte, kann sich derweil gemütlich zurücklehnen. So eine richtige Männerfreundschaft ist das mit Trump zwar nicht geworden, aber dafür sorgen Trump und Erdogan für ganz schön viel Unsicherheit in der NATO und in der westlichen Welt. Außerdem hat Putin sich den Scherz erlaubt, Wikileaks einfach für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Das ist einfach bei einer Organisation, die alles veröffentlicht, was man ihr zuspielt. Es kommt nur auf das Timing an. Trump wiederum braucht Wikileaks nicht zu fürchten, da er eh tagtäglich seine verkorksten Gedanken in die Welt twittert.

Es gibt also genug Grund zur Sorge auf unserem kleinen Felsen im All zu diesen Zeiten. Allerdings wird man die Probleme nicht damit lösen, dass man dem lautesten Schreihals das Ruder überlässt. Hohe Mauern werden nicht dafür sorgen, dass die Armut und Leid davor verschwindet. Man sieht es nur nicht mehr. Aber weggucken ist in unserem Medienzeitalter dann doch nicht mehr möglich.

Und was geht das dich an?

Du entscheidest selber, ob du ängstlich den bellenden Hunden hinterherlaufen willst. Du entscheidest selber, ob das gegenseitige Anfauchen und Bedrohen die Zukunft werden soll. Gehen wir den kurzen Pfad der Gegnerschaft oder den langen der Freundschaft? Gehen wir den Weg des Vertrauens oder folgen wir nur der Angst und den Angstmachern? Es ist deine Zukunft. Du kannst sie ruinieren oder aufbauen. Eines sei dir vorab verraten: Aufbauen ist sehr viel schwerer als kaputtzuschlagen. Aber du packst das schon!

 

 

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